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dekoder • vor 6 Jahre

Warum schreibt dekoder in den redaktionellen Rahmentexten (wie in dieser Einführung oder auch in den Überschriften und Vorspann-Texten zu den einzelnen Beiträgen) „Angliederung” und nicht „Annexion” oder gar „Wiedervereinigung”?

Es ist in der Tat schwierig, Ordnung in dieses Begriffsfeld zu bringen. Wir vertreten seit jeher folgendes Schema: „Angliederung“ ist, lexikalisch gesehen, der Oberbegriff, unter den verschiedene konkrete Formen fallen können: „Annexion“, „Anschluss“, „Wiedervereinigung“ usw. Anders gesagt: Die konkreten Formen sind die Äpfel und Birnen (die man bekanntlich nicht miteinander vergleichen kann), aber all das fällt in die Klasse „Obst“.

In unseren redaktionellen Texten – wie dieser Einführung – üben wir bewusst Zurückhaltung und verwenden, wo immer es geht, den allgemeinsten Begriff. Wir meinen, das ist die unabdingbare Grundlage, auf der man die anschließenden wissenschaftsbasierten Debatten und Diskussionen bei einem politisch so aufgeladenen Thema eröffnen sollte. Das heißt nicht: anything goes und Fakten gibt es nicht mehr. Sondern: Es sollten möglichst wenig Prämissen auf dem Tisch sein, bevor von den Autoren die Argumente, dann die Schlussfolgerungen kommen.

Natürlich werden alle diese Begriffe in der einen oder anderen Art und Weise in verschiedenen Diskursen auch mit einer strategischen Rhetorik gebraucht – zum Beispiel von staatlicher russischer Seite. Wir sind aber überzeugt, dass man Begriffe nicht denen überlassen sollte, die sie sich für ihre Zwecke zu eigen machen wollen. Daher verwenden wir „Angliederung“ bewusst als Oberbegriff: Eine Angliederung kann in verschiedenem Maße freiwillig oder unfreiwillig sein, legal oder illegal und so weiter.

Wie unsere Autoren die Konkretisierung der „Angliederung“ beurteilen, zeigt schon der erste Popup zu diesem Wort: dort heißt es unter „Angliederung“ sofort: „Annexion der Krim“. Warum? Weil hier ein Wissenschaftler spricht, der den Lesern genau erklärt, weshalb diese Bestimmung sachlich berechtigt ist. Gleiches gilt für die einzelnen Beiträge: Die WissenschaftlerInnen benutzen fast ausschließlich den Begriff „Annexion”.

Warum schreiben wir dann nicht auch redaktionell von vornherein überall „Annexion“? Eben weil dekoder ein kuratorisches Portal ist. Wir, die Redakteure, meinen vielleicht auch „Annexion“ – aber wir halten uns überall zurück, wo unsere Aussagen an einen wichtigen Streitpunkt rühren. Das Privileg des Arguments muss immer bei den Autoren bleiben.

Dieses Statement soll zugleich eine Diskussion über dieses schwierige und wichtige Thema eröffnen – wir sind gespannt auf eure und Ihre Kommentare.

die dekoder-Redaktion

Tobias Weihmann • vor 6 Jahre

Naja... "Angliederung" mag lexikalisch gesehen ein Oberbegriff für bewaffnete Annexion sein (ist er das wirklich?), aber auf jeden Fall ist er auch ein Euphemismus für eine solche. Reshat Ametov z.B. wurde von russischen Nationalisten zergliedert, nicht angegliedert. Meines Erachtens daher keine gute Wahl, zumal in einer Zeit, in der die meisten Leute nur noch Überschriften lesen. Ausgangbasis für Diskurse sollte nicht eine imaginierte Mitte zwischen extremen, antidemokratischen Ansichten und Fakten sein (denn die kann sich mit den Extremen immer weiter ins Extreme verschrieben) - sondern die Fakten.

Вера Аммер • vor 6 Jahre

Angliederung ist hier eindeutig euphemistisch für das, was sich da abgespielt hat. Man würde schwerlich etwa die Besetzung von Kuwait durch den Irak 1990 als Angliederung bezeichnen, um sich erst mal überall zurückzuhalten. Man kann Zurückhaltung und Neutralität auch übertreiben und wird damit - nolens volens - potentielle Leser vom Weiterlesen abschrecken, die daraus - wenn auch unberechtigte - Schlüsse auf den generellen Tenor des Artikels ziehen.

GodBlessUkraine • vor 6 Jahre

Sie sind von Toleranz und politischer Korrektheit bereits so eingeschüchtert, dass Sie Angst haben, die Annexion der ukrainischen Krim als Annexion zu bezeichnen.
Es ist schade

Gerhard Lehrke • vor 6 Jahre

Ich bin etwas verwundert über einen der Maidan-Texte. Er liest sich, als sei das Gewerkschaftshaus in Kiew abgebrannt. Beste Grüße, GL